Drabbles
(100-Wort - Geschichten)


(Ein "drabble" ist ein Text, der aus exakt 100 Wörtern besteht, Die überschrift / Titel wird dabei nicht mitgerechnet.
Das Genre ist unwesentlich. Es kann sich um eine Kurzgeschichte (in Allgemeinen pointiert) oder ein Essay handeln, aber auch in Versform geschrieben sein.)


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Schneewittchen 2010

Nichts weiß ich mehr von gestern Abend und heute Nacht, stelle aber mit einem Blick
ins Zimmer fest, dass ich wohl nicht allein nach Hause gegangen sein kann.

Wer hat aus meinem Becherchen Wein getrunken?
Wer hat mit meinem Gäbelchen meine Pizza aufgegessen?
Wer hat mit in meinem Bettchen geschlafen?
Schneewittchen?

Ich höre Schritte im Flur. Die Tür öffnet sich.
Was ich sehe, kann nur Schneewittchens Stiefgroßmutter sein.
"Na Du Kleiner," höre ich sie fragen,
"ist Dein Zwerg schon wieder auferstanden?"

Oh Gott, was hab ich bloß getan?
"Weib, gib mir den Apfel. Lieber tot, als noch mal Prinz sein."

***


Kampfplatz Liebe

Sie schaut ihm zu, wie er am Fenster steht und in den Garten blickt.
Grau ist er geworden.
Seine Augen sind müde.

Seit ein paar Tagen reden sie wieder miteinander.
Wann haben sie sich eigentlich zuletzt in die Arme genommen? Ganz einfach so.
In der kleinen Küche ihrer Mietwohnung haben sie damals viel herumgealbert.
Und sie hat gekreischt und gelacht, als er sie gekniffen hat. Bis ihr Sohn dazukam.
"Keine Angst, Mama und Papa haben sich lieb!" hat er damals lachend gesagt.
"Wenn man sich liebt, kämpft man doch nicht gegeneinander,"
meinte ihr Sohn kopfschüttelnd.

Zwölf Jahre ist das her.

***


Pas de deux am Strand

Sie bewerfen sich gegenseitig mit Gedanken.
Mit Worten fallen sie übereinander her. Kein Flecken ihrer verletzten Seelen bleibt unberührt.
Sie tanzen das Spiel vom Glück und Leid, Nähe und Distanz, sich fallen lassen und aufgefangen werden.
Niemand weiß, wo das Spiel endet und der Ernst beginnt.
Sie sind Akteure der Sehnsucht unter Traumtänzers Choreografie.
Schlussakkord.
Atemlos greifen ihre Hände … ins Leere.

Die Schar der Voyeure schaut über die weiß beflaggten Zinnen ihrer Sandburgen staunend zu, bis der letzte Ton verklingt.
Niemand getraut sich zu applaudieren. Claqueure wurden nicht gebucht.

Aus dem Treibgut der verlorenen Träumen versucht jemand vergeblich ein Feuer zu entfachen.

***


Auf meinem Weg zu Dir

Der Weg zu Dir
ist wandeln zwischen den Gezeiten,
Suche zwischen Strand und Horizont.

Die Pfade
sind schwankende Wanderung auf schmalem Grat,
am Ende immer wieder mich selbst überraschend,
nicht abgestürzt zu sein.

Irgendwo,
weit weg, sehe ich Dich lachen.
Höre Dich sagen:
"Ich bin hier".

Menschen begleiten mich.
Manche in Freundschaft,
andere aus Gewohnheit oder weil es sich so ergab.
Ich lasse sie zurück, weil ich zu Dir will.
Die meisten verstehen nicht,
warum ich diesen Weg gehen muss.

Es kann sein,
dass ich Dich nie erreiche,
aber auf dem Weg zu Dir
werde ich vielleicht mich selbst finden.

***


Ich lade dich ein

Wann hast Du zuletzt auf einer Wiese gelegen, den Wolken nachgeschaut und dir vorgestellt,
du könntest mit dem Finger Löcher hinein pieksen?
Weißt du, dass Schmetterlinge mit den Flügeln küssen, einem Wimpernschlag gleich?
Hast Du schon mal versucht einen Regenbogen zu verbiegen oder davon geträumt, übers Wasser zu laufen?

Wenn du dir alles das und noch mehr vorstellen kannst,
dann setz dich her zu mir.
Lass uns zusammen
einen Knoten in den Regenbogen machen,
damit wir nie vergessen, wie schön es ist,
für einen Moment mal nicht so erwachsen und abgeklärt zu sein,
alles verstehen zu müssen und zu können.

***




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