Kurzgeschichten und Essays

Der Garten "Wir"

Es gibt Beziehungen zwischen zwei Menschen, die sind wie ein üppiges Mahl.
Wir greifen zu, stillen unseren Hunger, genießen in kleinen Portionen oder schlemmen gierig von allen Köstlichkeiten. Immer mit ein bisschen Vorahnung, dass es uns vielleicht hinterher Magenschmerzen bereitet.
Das Dinner macht uns zufrieden und satt, ein bisschen träge auch.
Wenn das Völlegefühl nachlässt bleibt meist eine schöne Erinnerung zurück und das Bedürfnis, ähnliches noch einmal genießen zu dürfen.

Es gibt Beziehungen, die sind wie ein Lotteriespiel, immer getragen von der Hoffnung zu gewinnen. Jeder weiß, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist. Aber wir lassen uns darauf ein.
Am Ende schauen wir ein bisschen traurig unserem verlorenen Einsatz hinterher und doch wissen wir, dass es richtig war. Auch eine kleine Aussicht auf Erfolg wahrgenommen, nicht nutzlos haben verstreichen lassen, macht ein wehmütiges und doch gutes Gefühl.
Und … wir würden es wieder tun, wenn uns die Chance ein weiteres mal begegnet.

Es gibt Beziehungen, die wie eine Bergtour sind. Sie beginnen ruhig, kräftesparend. Wir sind bereit für einen langen und beschwerlichen Weg.
Jedes Stück gegangener Weg ist ein Gewinn und jedes überwundene Hindernis ein Erfolg.
Auf dem Weg findet man mehr und mehr zueinander, misst sich an den gemeinsam bewältigten Schwierigkeiten und irgendwann steht man auf dem Gipfel.
Jeder weiß, es kann nicht mehr schöner werden. Es ist dieses Mal alles erreicht.
Der Abstieg fällt schwer. Die Gefahr zu fallen ist groß, weil die Kräfte aufgebraucht sind.
Gemeinsam erreicht man vielleicht wohlbehalten das Tal der Entscheidung – Dort bleiben und gemeinsam die Schönheiten des Tales genießen? – Weiter gehen, neue Gipfel erklimmen? – Allein oder zusammen?

Und … es gibt Beziehungen, die sind wie ein kleiner Garten. Der Garten „Wir“.
Irgendwann einmal übernommen aus fremder Hand oder selbst angelegt mit viel Mühe.
Man sieht es wachsen. Aus kleinen Pflanzen werden Blumen und Bäume, aus spärlichem Rasen wird eine Wiese, aus Trampelpfaden werden Wege.
Der kleine Garten verändert ständig sein Gesicht. Mal duftendes Blumenmeer, mal grüne und schattige Oase, wunderbuntes Farbenspiel und dann mit einem weißen Tuch bedecktes Feld der Ruhe und Kräftesammelns.
Das kleine Universum ist nicht die Insel der Glückseligen. Es wird im Laufe der Zeit eine Menge ertragen müssen. Sonne und Regen, lauen Sommerwind und Sturm, Schnee, Hagel, Trockenheit und vieles mehr. Doch wenn man will, kann man es aushalten, denn es ist auch Schutz und irgendwie doch zu jeder Zeit schön.
Es zu erhalten macht Mühe. Aber es lohnt sich.
Auch und gerade, wenn man nach rechts und links schaut.
Nebenan im Nachbargarten wuchert das Unkraut. Niemand findet es gut, aber es kümmert sich keiner darum.
Der Nachbar auf der anderen Seite hat schnurgerade Wege gezogen und exakte Beete angelegt. Fehltritte sind verboten und wenn ja, werden sie sofort weggeharkt. Niemand darf es bemerken. Das Bemühen des Nachbarn wurde ihm zur Pflicht und zur Plage. Nebenan soll man ja schließlich sehen, wie schön man es hat. Sich selbst daran zu erfreuen, fehlt die Zeit.

Es ist schön, den Garten „Wir“ zu haben, ihn pflegen und genießen zu können.
Mit Wegen, die man auch mal verlassen kann, ohne Angst haben zu müssen, etwas zu zerstören, mit Ecken die ein kleines Geheimnis zu verbergen scheinen, mit schattigen Plätzen und Sonneninseln und in einer Ecke mit einem Laubhaufen, den der Herbstwind aufgetürmt hat und in dem ein Igel und anderes Kleingetier die kalte Jahreszeit überstehen können. So wie die Liebe, die sich manchmal verkriecht, wenn es kühler wird.
Aber sie ist immer da, weil ohne sie der Garten ohne Leben wäre.

***

Mit Männeraugen IV
("Der Satz" oder warum wir Frauen manchmal hassen)

Frauen sind grausam.
Ich werde diese Aussage auch nicht zurücknehmen. Auch wenn sie vielleicht nicht auf alle Personen weiblichen Geschlechtes zutrifft.
Doch fast jeder Mann kennt es - mit einem einzigen Satz, können Frauen das in mühseliger Kleinarbeit erworbene Selbstbewusstsein von Männern zerstören. Ein einziger Satz genügt!
Auch auf das Risiko hin, dass einige Damen jüngeren Alters vielleicht noch nicht wissen wie das geht und von nun an, gleichwohl ihren älteren Geschlechtsgenossinnen, erbarmungslos zuschlagen können, ich werde es erklären:

Ein beliebiger Baumarkt in Deutschland. Es ist Nachmittag, Viertel vor Fünf.
Meine Freundin - neben mir.
Ich - gedankenversunken dieses Teil betrachtend, das mich vermutlich in den nächsten Stunden beschäftigen wird.
Genau so etwas hatte ich schon immer gesucht. Ein bisschen kompliziert sieht es schon aus. So, noch verpackt und doch ist schon die Fülle an Einzelteilen durch die Klarsichtverpackung erkennbar. Ich will es und brauchen würde ich es vermutlich auch. Ganz bestimmt sogar. Mein Nachbar hat auch schon eines, nur kleiner. Und auch mein drittbester Freund (Männer haben in der Regel nur drei Freunde) hat mir schon viel davon vorgeschwärmt.
Sie: "Was ist das?"
Ich: "Hast Du das noch nicht gesehen. Kommt doch jetzt ständig in der Webung. Geiles Teil. Hans-Herbert hat es auch schon und ist begeistert!"
Sie: "Kann ich es auch mal anschauen?"
Ich: "Ja. klar!"
Sie dreht und wendet die Verpackung in ihren Händen, schaut etwas unschlüssig auf den auf der Rückseite angegebenen Verwendungszweck und die Auflistung der einzelnen Bestandteile. In ihrem Kopf arbeitet es.
Jetzt ist die Chance da, sich für
jedes einzelne, vergessene Jubiläum,
für jedes schnell und lieblos gekaufte Geburtstagsgeschenk,
für jede unbedachte, noch so profane Kritik,
für jedes "Schatz, hast Du zugenommen?" zu revanchieren.
Sie holt zum entscheidenden Schlag gegen mein Ego aus:
Kündigt es mit einem; "Hmmmm…." an, schaut zu mir auf, blickt wieder auf das Teil in ihren Händen, neigt den Kopf etwas zur Seite, schaut mich an und dann passiert es:

"Meinst Du, dass Du es schaffst, das zusammenzubauen?"


Drei Stunden später habe ich es geschafft.
Okay, nicht gleich beim ersten Mal. Erst als ich die Bauanleitung vollständig gelesen hatte und nun auch wusste, wo die drei, bisher nicht benötigten Schrauben und der Plastikbügel Verwendung finden könnten. Aber ich habe es geschafft.
Voller Stolz, mit wieder gewonnenem Vertrauen in mich selbst und meine handwerklichen Fähigkeiten, präsentierte ich es meiner Freundin.
Männer brauchen Bewunderung. Wenn keine anderen Personen in der Nähe sind, muss dafür auch schon mal die eigene Partnerin herhalten.
Dem Anlass angemessen trage ich das nun fertige Werk auf Händen zu ihr und erwarte wenigstens ein kleines aber überschwängliches Lob.

Sie: "Ich finde, das sieht aber ein bisschen anders aus, als das Bild auf der Verpackung!"

***

Mit Männeraugen I
(Nun weiß ich endlich Bescheid)

Seit dem letzten Wochenende weiß ich es. Oh Mann, war ich ein Idiot. Was hätte ich mir für Kopfzerbrechen, für Zweifel sparen können, wie viele schlaflose Nächte wären mir erspart geblieben! Hätte mir das nicht mal jemand früher schon sagen können?
Warum erst jetzt?
Und - nützt es mir nun noch etwas, das ich es weiß?
Ein Werbeprospekt hat mich aufgeklärt! Ein Werbeprospekt - welche Schizophrenie - ich lese im Normalfall höchstens die Offerten diverser Baumärkte, aber doch nicht so etwas! Doch was tut man nicht alles aus purer Langeweile am Sonntagnachmittag.
Was fange ich nun an, mit der neuen Erkenntnis? Was anstellen mit dem neu erworbenen Wissen darüber, was Frauen zwischen dem 40-sten und 50-sten Lebensjahr wirklich brauchen? In einem Alter, in dem sich für das schöne Geschlecht angeblich so vieles verändern soll. In den Jahren des Wechsels, wenn mütterliche Fürsorge der wohlwollenden "Nur-noch-Beobachtung" des Lebens der Sprösslinge weicht? Wenn Frauen sich auf die Suche begeben nach neuen, das Leben er- und ausfüllenden Aufgaben, neuen Jobs, mitunter auch neuen Männern? Dass das so sei glaubte ich, zumindest bisher.
Eine schwierige Zeit - auch für mich und meine Geschlechtsgenossen.
Aber nun das!
Frauen zwischen 40 und 50 wollen etwas ganz anderes, nämlich etwas was ihre Haut revitalisiert und ihnen neue Energie schenkt. Also, mehr Zärtlichkeit? Mehr Streicheleinheiten? Mehr liebevolle sinnliche Küsse gar? Mehr Zuwendung?
Alles falsch.
Eine Creme reicht. Nur die richtige muss es sein.
So steht es jedenfalls in dem Prospekt eines großen Kosmetikanbieters.
Uff, das macht es echt einfach. Keine Blumenkäufe mehr, keine Einladungen zum Dinner, täglich ein paar nette Worte - alles Unsinn, alles passé.
Ein kleines Töpfchen Creme reicht aus, um Frauen glücklich zu machen, um mit den Widrigkeiten des Wechsels zurecht zu kommen, um alles wieder ins rechte Lot zu bringen. Die Zukunft ist gesichert.
Ab morgen wird gecremt!





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